Dr. Martina Claus-Bachmann
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Exkurs: Kulturwissenschaft/Cultural Studies
Ernst Cassirer und Clifford Geertz
Richard Hoggart, Raymond Williams und Edward P. Thompson
Stuart Hall
Eine umfassendere Einführung in die Geschichte kulturwissenschaftlichen Denkens würde den Rahmen sprengen; kurz seien hier als Exkurs die Hauptanliegen zusammengefasst: Als „Gründungsurkunde der Kulturwissenschaften“, wie es Markus Fauser in seiner jüngst erschienen Zusammenfassung (2004[i]) nennt, gelten die Schriften von Ernst Cassirer, drei Bände über die „Philosophie der symbolischen Formen“ (1923-1929). Cassirer schuf hier eine neue Basis für eine Philosophie, die von der grundsätzlichen kulturellen Bedingtheit des Menschen und seiner Wissenssysteme ausgeht. Cassirer macht bereits auf die Funktionalität kultureller Ausdrucksformen für den Menschen aufmerksam und nimmt mit seiner Vorstellung vom „Symbolnetz“ als „Gespinst menschlicher Erfahrung“ bereits ein systemisches Kulturverständnis vorweg. Immer wieder macht er auch auf die Notwendigkeit dessen aufmerksam, was man heute „Dekonstruktion“ nennen würde, die Distanzierung von der Mittelbarkeit menschlicher Wahrnehmung, die eine als selbstverständlich wahrgenommene Realität entlarvt und kritisch in Frage stellt. Ebenso modern erscheint die Idee Cassirers hinsichtlich einer Metaebene der Beobachtung im interdisziplinären Methoden- und Ergebnis-Vergleich, wobei seiner Meinung nach besonders die Fächer Biologie, Literaturwissenschaften, Geschichte, Soziologie, Psychologie und Ethnologie angesprochen sind.
Gerade letztgenannter Wissenschaftszweig wird von Fauser besonders in der zweiten Phase der Entwicklung von Kulturwissenschaft in Deutschland in den Mittelpunkt gerückt. Hier sind es vor allem die Schriften von Clifford Geertz, der mit seinem Begriff der „Dichten Beschreibung“ sowohl auf Vorzüge als auch auf Probleme ethnographischer Arbeit aufmerksam macht und auf ethnologische Methodenprobleme allgemein, wie Feldforschung und teilnehmende Beobachtung bzw. deren schriftstellerische Auswertung. Diese beschreibt Geertz als eine Vielfalt komplexer, oft übereinandergelagerter oder ineinander verwobener Vorstellungsstrukturen, die fremdartig und zugleich ungeordnet und verborgen wirkten und zunächst irgendwie gefasst werden müssten. Die Kritik, die an Geertz Konzeption geübt wurde, führte zu einer selbstreflexiven Wende der Ethnologie, die Fremdheit als grundsätzlich relationalen Begriff betrachtete. Das bedeutete ein Aufbrechen der ethnographischen Methodik in Richtung einer Demokratisierung in der Form, dass Beobachtete genauso zu Wort kamen wie der Ethnograph selbst und die Genres der Textualisierung über den Typ der wissenschaftlichen Abhandlung hinaus erweitert wurden.
Seit 1964 spricht man im anglo-amerikanischen Raum von „Cultural Studies“. Konkret verbunden ist dieser Begriff mit der Gründung des „Center for Contemporary Cultural Studies“ durch Richard Hoggart an der Universität Birmingham im Verbund mit den Arbeiten von Raymond Williams und Edward P. Thompson. Diese frühen Vertreter stammten alle aus der Erwachsenenbildung und verfolgten ein Bildungsideal mit emanzipatorischen und politischen Wirkungsabsichten. Inhalte waren die Erforschung von Populär-, Sub- und Alltagskultur, marginalisierten Gesellschaftsschichten, ihrer Identitätsprobleme ebenso wie die ethnischer Gruppen und Mediengebrauch im identitätsbildenden Zusammenhang. Als herausragende Persönlichkeit der „British Cultural Studies“ gilt der aus Jamaika stammende Stuart Hall, der zur Internationalisierung des Instituts beitrug und die theoretische Ausweitung des Konzepts vorantrieb, vor allem unter Einbeziehung der Werke Foucaults und Lacans.

[i]  Fauser, Markus: Einführung in die Kulturwissenschaft. WBG Darmstadt 2004