Dr. Martina Claus-Bachmann
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Notentexthermeneutische, mikrostrukturelle Parameter-Analyse unter Einbeziehen von
 - Archivmaterial
 - biographischen Daten zum Komponisten
 - Informationen zur Aufführungspraxis usw.
Jeder Kontext besitzt eine historische Dimension
Das kulturelle Gedächtnis - Mnemotechniken
Historische Musikwissenschaft
Was der historische Musikwissenschaftler bevorzugt, ist zunächst ein verbindlicher Notentext. Dieser ist zwar in diesem Fall nicht originär vorhanden, aber wir schaffen Abhilfe durch eine kleine Transkription des Melodie-Patterns: s.o.
Die deskriptiven Daten einer mikrostrukturellen Analyse würden ungefähr lauten, dass die Melodie aus drei repetitiven Patterns mit gleicher rhythmischer Struktur, punktierter Viertel, drei Achtel, Viertelnote, in der Taktart Vierviertel besteht, denen eine ganztaktige Schlussnote folgt, welche jeweils eine viertaktige Melodiezeile abschließt. Die Patterns sind dreitönig und im Zusammenhang mit der Schlussnote könnte man sie dem ersten Tetrachord einer phrygischen Skala zuordnen, wenn man sie denn modal einordnen wollte. Durch die Enge der Tonschritte wirkt die Melodie rezitativisch-deklamatorisch und im Zusammenhang mit dem langsamen Tempo ergibt sich eine eher getragen düstere Stimmung. Im Abgleich mit der auditiven Wahrnehmung in einem europäisch-abendländischen Zusammenhang lässt sich diese Aussage bestätigen. Natürlich würde eine notentext-hermeneutische Analyse innerhalb eines historisch-musikwissenschaftlichen Kontextes noch weit mehr leisten, doch bedürfte es dazu weit mehr Informationen, Archivmaterialien, biographischer Notizen zum Komponisten, zu örtlichen und zeitlichen Entstehungsumständen, zur Aufführungspraxis usw. Auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht, als falle die Historische Musikwissenschaft am weitesten aus dem Spektrum der Cultural Studies heraus, da sie zu eurozentriert und zu wenig kosmopolitisch orientiert sei bzw. nur im diachronen Rahmen jedoch nicht im synchronen kulturellen Geschehen arbeite, so täuscht diese Einschätzung, da jede andere Methodik-Richtung auch auf eine historische Dimension bezogen ist und insofern stets auch diesen Kontext aufsuchen wird. Des weiteren hat sich innerhalb der Kulturwissenschaft ein eigener Strang herausgebildet, der sich mit Gedächtnistheorien beschäftigt und somit die historischen Dimensionen kultureller Ausdrucksformen einem neuen Blickwinkel aussetzt. Diese besonders in Deutschland vom Ehepaar Jan und Aleida Assmann ausgearbeitete Richtung beschäftigt sich mit den Themen wie „Vergessen“, „Erinnern“, dem „kulturellen Gedächtnis“, „Kanon und Kultur“, „kollektiver Identität“ und „Erinnerungspolitik“. Jeder mikrostrukturell-musikkulturell geformte Inhalt kann auf der Grundlage dieser Untersuchungsperspektiven einer makrostrukturell- diachronen Betrachtungsweise unterzogen werden.
Nun handelt es sich bei unserem Beispiel jedoch nicht, wie Sie aufgrund der Soundtextur und der fehlenden Notation vielleicht bereits erraten haben, um eine Komposition aus irgendeinem europäisch-abendländischen Zusammenhang, sondern um oral überlieferte klingende Musik, „recorded culture“ aus einem unvertrauten kulturellen Kontext, was die Methoden der Ethnomusikologie herausfordert.