Modul 6:

Gamini – ein Song für einen jungen Helden

Abb. 11: Das Modul 6 erfordert einen Audio-CD-Player

 

In Sri Lanka herrschte bis zum Jahre 2009 Bürgerkrieg. Grund war ein weit in die Geschichte reichender Konflikt zwischen den Singhalesen, die ethnisch gesehen 80% der Inselbewohner ausmachen und den Tamilen, die in mehreren Schüben aus dem indischen Bundesstaat Tamil Nadu einwanderten, früher wegen Hungersnöten, später als angeworbene Plantagenarbeiter, und den Norden und Teile der Ostküste der Insel besiedeln. Die Tamilen fühlen sich machtpolitisch unterrepräsentiert und eine Terrorabsplitterung, die Tamilischen Tiger, die in letzter Zeit nur noch mit Selbstmordattentätern operierten, verlangen einen eigenen Staat im Norden des Landes. Immer wieder finden Scharmützel zwischen den „Tigern“ und der sri lankischen Berufs-Armee statt und der vorliegende Popsong thematisiert ein tatsächliches Ereignis und die Heldentat eines jungen Soldaten.

 

Modul 6

 

Erfahrungsaspekt

 

Gamini – ein Song für einen jungen Helden

Vorgaben im Bildungskanon

Kriegsschauplätze – Gründe von Konflikten – Friedenserziehung – Musik und Krieg, Heldentum heute, kulturelle Mnemotechniken

Erfahrungsmethode

 

Einzel-, Partnerarbeit

Erfahrungsmedien

 

Printmaterialien, Audio-CD/-Cassette, Disc-, Walkman mit Kopfhörer

Erfahrungskontrolle

 

Lösungsvorlage

Erfahrungsfixierung

 

Arbeitsblatt*

Überwiegende Erfahrungswahrnehmung

visuell, auditiv

Vorherrschender Erfahrungsmodus

Rekonstruktion, Dekonstruktion

Überwiegende Erfahrungsverarbeitung

reflexiv

Erfahrungshinweise

Mögliche Aufgaben:

1. Sri Lanka ist nicht nur ein traumhaftes Urlaubsland, bietet nicht nur alte und neue interessante kulturelle Formationen *, sondern ist ebenso gezeichnet von einem jahrzehntelangen Bürgerkrieg, der hierzulande in der Presse oft, überschattet von europäischen und anderen Kriegsschauplätzen, unzureichend wahrgenommen wurde. Die erste Fragestellung im Hinblick auf Kulturwissenschaft wäre, inwieweit sich Kriegs- oder Bürgerkriegsgeschehen musikbezogen mittelbar oder unmittelbar äußert. Auch die europäische Musikgeschichte hat eine weit zurückreichende Tradition an kriegsbezogener Musik, angefangen mit dem Kreuzfahrer-Lied Walthers von der Vogelweide, über die Programmatik der Bataglien, Branles de la Guerre und Landknechtslieder der Renaissance als Widerschein des 30jährigen Krieges bis hin zu spätklassischen und romantischen Schlachtengemälden. Die Frage ist, wie sich Krieg als Ausgangspunkt musikpädagogischer Überlegungen thematisieren lässt.

2. Neben den makro- und mikrostrukturellen Fragestellungen geht folgende Darstellung auch auf die systemische Eingebundenheit von Musik ein und beobachtet am Kriegssong „Gamini“ Strategien zur Aufrechterhaltung eines kulturellen Systems. Um diese einordnen zu können, ist es günstig, Station 5 durchgearbeitet zu haben.

3. Versuchen Sie, sich die verschiedenen Untersuchungschichten (historisch, ethnologisch-vergleichend, systemisch-kulturkonstruktivistisch, mikro- oder makroanalytisch) klarzumachen und suchen Sie sich selbst eine Aufgabe, die Sie daran interessiert.

Mögliche Erfahrungsvertiefung

Musikwissenschaftlich, ethnomusikologisch:

- Vergleich mit anderer kriegsbezogener Musik

- Untersuchung musikbezogener Parameter zu den Gefühlszuständen Aggression, Macht, Gewalt in verschiedenen Kulturen, besonders auch Subkulturen

 

* Arbeitsblatt zu diesem Modul:

 

Abb. 12: CD-Cover der Audio-CD zu Modul 6

*Infokasten: Überblick zu Musikkulturen im heutigen Sri Lanka

 

Eine „klassische“ oder besser traditionelle Musikkultur mit ideellem hegemonialem Dominanzanspruch wird von altehrwürdigen Musikerfamilien vertreten, lebendig erhalten und gepflegt; diese Musikkultur geht auf das höfische Repertoire zurück, welches sich aufgrund älterer Traditionen am Hofe der singhalesischen Könige von Kandy im 18. und 19. Jahrhundert herausgebildet hatte. Es handelt sich dabei im wesentlichen um ein Repertoire von untrennbar verbundenen Trommel- und Tanz-Items, die durch Wettbewerbe bei Hofe zu Virtuosität und Vielfalt entwickelt wurden. Allerdings existiert daneben auch ein unabhängiges Trommelrepertoire. Ein heutiger Schüler dieser klassischen Ausdrucksformen kann sich an privaten oder staatlichen Instituten ausbilden lassen und hat sowohl im Trommel- als auch im Tanzbereich eine bestimmte Anzahl an Basisübungen (Saramaba) zu absolvieren, die genau festgelegt und klassifiziert sind. Ein Beispiel für diese im höfischen Bereich entwickelten Formen sind die 18 sogenannten Vannamas, Tanz- und Trommel-Stücke von ca. 20 Minuten Länge, in denen unter anderem Tierbewegungen, emotionale Befindlichkeiten oder buddhistisch  beeinflusste Texte tänzerisch umgesetzt werden. Ein schönes Beispiel ist das Asadrusa-Vannam, welchem folgende Worte (kaviya=poetischer Text) zugrunde liegen, die teils gesungen, teils deklamatorisch während der Tanzdarstellung einfließen:

 

We worship to Lord Buddha, Dhamma and Sangha (Triple Gem)

and dispell or destroy all the bad eyes, bad mouths and bad verses by the power of the Triple Gem.

I am explaining the truth which is expressed by the priest Irshu just in front of the audience.

God Vishvakarama is the one, who created the first four basic rhythmic patterns,216 rhythmic patterns were created by God Gandharva

and all those rhythms were founded from the heaven, where Gods are living.

The legendary King called Maha Sammatha created the arts for the people.

All the rhythmic patterns, dance steps and the melody composed by priest Narada are called Asadrusa-Vannama.

 

(translated from Sinhala by Madhavi Shilpadhipathi)

 

Abb. 2: All-Island- Schulwettbewerb im traditionellen Kandy-Tanzstil

 

Das Foto zeigt die Siegergruppe 2000 trainiert von Kanthi Shilpadhipathi; Aufgabe für jede der acht Gruppen war es, einen Teil aus dem Kohomba-Kankariya-Ritual zu tanzen,welches als Ursprungsritual der gesamten Tanz- und Trommelkultur gilt und ein Schutzritual vor Krankheit und ein Verstärkungsritual positiver Energien darstellt.

Neben dem als "klassisch" zu wertenden Kandy-Stil, der nach außen hin zu einem repräsentativen Symbol für sri lankische Musikkultur geworden ist, existieren mehrere Regionalkulturen, wie die Sabaragamuwa (Zentral-Sri Lanka)- und die Low-Country (Südküste)-Tanz- und Trommelkultur, die sich unter anderem neben der Entwicklung spezifischer Formen jeweils durch den Gebrauch verschiedener Trommeltypen und eigener Tanzpatterns, sowie einen anderen Tanzstil (einschließlich der Kostüme) voneinander abheben.

Daneben existieren wie überall auf der Welt transkulturierte Formen, die sich zum einen aus Elementen der von den jeweiligen Kolonialisten mitgebrachten Ausdrucksformen speisen, wie z. B. in der portugiesisch beeinflussten Baila-Musik, die für Sri Lanker eine gewisse Ausgelassenheit, ja Laszivität ausstrahlt. Zum anderen findet man eine kommerziell erfolgreiche Mischung aus traditionell der Volkskultur entstammendem, auch religiös bezogenem Melodie- und Songtext-Repertoire, dargeboten und instrumental unterlegt mit Keyboardsound und Popmusik-Arrangements westlich-europäischen Zuschnitts, genannt Miyuru Gee (gefällige Lieder), wozu aber auch neu erfundene Liedmelodien und Texte gerechnet werden.

Als subkulturelle Formen spielen im urbanen Bereich die Techno-Kultur eine gewisse Rolle, daneben eine regional adaptierte Variante von Rap und eine aus der Hindi-Filmmusik entwickelte eigene popmusikalische Richtung. Bei den Jugendlichen in der starken Fremdeinflüssen (Tourismus) ausgesetzten Küstenzone findet speziell jamaikanischer Reggae, auch in regional adaptierter Form Gefallen.

Nicht zu vergessen sind die Minoritätskulturen, u. a. der Veddhas, der äußerst dezimierten Ureinwohner der Insel (ca. 300 Menschen), oder der von arabischen Einflüssen geprägten moslemischen Bevölkerungsgruppe (ca. 7 %) und nicht zuletzt der hinduistisch-indisch geprägten Tamilen (17%).

 

Dieser Artikel ist publiziert als "Gamini, ein jugendlicher Held für Sri Lanka oder: Die Wiedergeburt eines Heroen-Mythos in einem Pop-Song“. In: Musik&Unterricht 63, Themenheft Hymnen&Helden, Lugert, Oldershausen 1. Quartal 2001; S. 34-43 Text und Musikbeispiel sind abzurufen von folgender Website!